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Essay / Technik 18–22 Min. Longform

Wir haben alles einfacher gemacht. Außer das Leben.

Es fing mit einem Duplikat-Finder an.

Es fing mit einem Duplikat-Finder an. Eigentlich eine Aufgabe, für die man vor 15 Jahren ungefähr drei Minuten gebraucht hätte. „Ich habe hier 20.000 Fotos. Welche davon sind doppelt?" Kein Problem. PC-Welt aufmachen. Computerbild aufmachen. CHIP aufmachen. „Die zehn besten kostenlosen Duplicate Finder." Man hat sich einen ausgesucht, auf „Download" geklickt, eine EXE bekommen, den Installer gestartet und fünf Minuten später wusste man, welche Urlaubsfotos von 2014 dreimal auf der Festplatte liegen. Natürlich musste man damals aufpassen, dass einem der Installer nicht noch irgendeine Browser-Toolbar, einen PDF-Reader aus Moldawien und die Startseite von Ask.com unterjubelte. Es war nicht alles besser. Aber man wusste wenigstens, wo vorne und hinten war.

Heute suche ich einen vernünftigen Duplikat-Finder. Und lande auf GitHub. Repository. Releases. Assets. Source Code. Windows x86_64. Windows ARM. GUI. CLI. Portable. Installer. Stable. Nightly. GTK. Flatpak. AppImage. Homebrew. Docker wahrscheinlich auch noch irgendwo, falls ich meine doppelten Katzenfotos gerne hochverfügbar über einen Kubernetes-Cluster analysieren möchte. Ich will keine Software entwickeln. Ich will verdammte doppelte Fotos finden. Und genau da sind wir angekommen. Technik kann heute unfassbar viel. Nur einfach benutzen kann man sie immer schlechter.

Früher war nicht alles besser. Aber vieles war wenigstens fertig.

Bevor jetzt jemand mit erhobenem Zeigefinger aus seinem ergonomischen Bürostuhl springt: Nein. Früher war nicht alles besser. Windows XP war kein magisches Paradies. Programme sind abgestürzt. Treiber waren teilweise Voodoo. Drucker waren schon damals persönliche Feinde der Menschheit. Man hat irgendwelche Codecs installiert, weil ein AVI-Video sonst nur Ton hatte. Man hat nach einer Windows-Neuinstallation einen halben Samstag damit verbracht, eine Netzwerkkarte zum Leben zu erwecken, damit man anschließend die Treiber herunterladen konnte, die man eigentlich gebraucht hätte, um die Netzwerkkarte zum Leben zu erwecken. Das war alles da.

Aber Software hatte häufiger eine klare Aufgabe. Du brauchtest ein Brennprogramm? Nero. Dateien packen? WinRAR oder 7-Zip. Musik hören? Winamp. Fotos bearbeiten? IrfanView, Paint Shop Pro oder irgendwann Photoshop. Festplatte prüfen? Tool installieren. Fertig. Es gab weniger Programme. Die Programme konnten weniger. Aber häufig gab es einen erstaunlich klaren Zusammenhang zwischen: Problem → Werkzeug → Lösung.

Heute ist daraus geworden: Problem → Google → Vergleichsartikel → Reddit → GitHub → YouTube → fünf SaaS-Anbieter → drei Paywalls → Registrierung → Newsletter → Trial → Kreditkarte → Lösung vielleicht. Und währenddessen erzählt uns die Technikbranche, wie sehr sie alles vereinfacht hat. Hat sie auch. Nur eben hauptsächlich für sich selbst.

Der normale Nutzer hat keine Chance mehr

Ich arbeite jeden Tag mit Technik. Mit Software. Mit GitHub. Mit Cloud-Systemen. Mit KI. Mit Schnittstellen. Mit Webentwicklung. Mit Automatisierung. Mit unterschiedlichen Plattformen. Und selbst ich sitze regelmäßig vor irgendeinem Projekt und denke: Warum zur Hölle muss ich das jetzt wissen? Warum muss ich wissen, welche Runtime dieses Tool braucht? Warum muss ich wissen, welche Architektur mein Prozessor hat? Warum muss ich wissen, was eine Environment Variable ist, wenn ich eigentlich nur irgendeine lächerliche Hilfsfunktion benutzen möchte? Warum brauche ich einen Account? Warum muss ich mich bei GitHub anmelden? Warum brauche ich Node? Warum Python? Warum Docker? Warum muss ich erst fünf Befehle in PowerShell eingeben?

Und dann denke ich an den normalen Anwender. Nicht an den Entwickler. Nicht an den IT-Berater. Nicht an den Typen, der seit 20 Jahren Computer auseinanderschraubt. Sondern an Ute. Ute möchte ihre Fotos sichern. Oder eine PDF bearbeiten. Oder ein Video schneiden. Oder eine Rechnung schreiben. Oder ihre Daten von einem alten Telefon auf ein neues übertragen. Und Ute wird heute mit einer Welt konfrontiert, in der sie angeblich mehr Möglichkeiten hat als je zuvor. Stimmt. Sie hat ungefähr 700 Möglichkeiten. Und keine Ahnung, welche davon richtig ist. Das nennt man dann Auswahlfreiheit. Ich nenne es inzwischen gerne: Entscheidungsarbeit, die Unternehmen erfolgreich auf ihre Kunden ausgelagert haben.

Die UX-Katastrophe

Das Problem ist nicht, dass Software komplex ist. Software darf komplex sein. Ein Flugzeug ist auch komplex. Deshalb sitzt im Cockpit aber nicht vor jedem Start ein Fenster: Bitte wählen Sie zunächst Ihren bevorzugten Triebwerks-Management-Stack. Genau dafür gibt es Benutzeroberflächen. UX. User Experience. Eine Oberfläche soll die Komplexität des Systems verbergen, ohne dem Nutzer die Kontrolle zu nehmen. Eigentlich.

Inzwischen erleben wir immer häufiger das Gegenteil. Die Komplexität des Systems wird nicht beseitigt. Sie wird dekoriert. Mit schönen Icons. Abgerundeten Buttons. Pastellfarben. Und einem Onboarding, das dir in zwölf Schritten erklärt, warum du zuerst ein Konto erstellen solltest. Darunter liegt weiterhin der komplette Werkzeugzirkus. Nur jetzt mit hübschem Farbverlauf. Das Ironische daran: Viele moderne Anwendungen sehen einfacher aus als früher. Sie sind es aber nicht. Die Oberfläche ist leerer. Die Entscheidungsstruktur darunter ist komplizierter.

Wir haben aus Software Ökosysteme gemacht

Früher hast du ein Programm installiert. Heute trittst du einem Ökosystem bei. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Du kaufst kein Textverarbeitungsprogramm mehr. Du bekommst: Cloud-Speicher. Account. Synchronisation. Teams. Kalender. KI-Assistent. Vorlagen. Marketplace. Apps. Mobile Version. Browser-Version. Desktop-Version. Abonnement. Identitätsmanagement. Zwei-Faktor-Authentifizierung. Und irgendwo dazwischen kannst du sogar noch einen Brief schreiben.

Microsoft Office war einmal ein Paket Software. Heute ist Microsoft 365 praktisch eine digitale Infrastruktur. Google ist ähnlich. Apple sowieso. Adobe hat aus Kreativsoftware eine komplette Plattform gebaut. Und technisch ist vieles davon hervorragend. Das Problem beginnt dort, wo aus einem nützlichen Ökosystem eine Voraussetzung wird. Wenn ich Produkt A sinnvoll nur noch benutzen kann, wenn ich auch Dienst B, Account C, Cloud D und Abonnement E habe, dann besitze ich kein Werkzeug mehr. Dann bewohne ich das Geschäftsmodell eines Unternehmens.

Eigentum war offenbar eine Übergangsphase

Einer der größten kulturellen Unterschiede betrifft etwas, worüber erstaunlich wenig gesprochen wird: Wir besitzen digitale Dinge immer seltener. Früher: Software gekauft. CD bekommen. Seriennummer bekommen. Installiert. Benutzt. Heute: Software abonnieren. Monatlich zahlen. Account behalten. Internetverbindung behalten. Lizenzbedingungen akzeptieren. Darauf hoffen, dass der Hersteller das Produkt nicht einstellt. Darauf hoffen, dass der Tarif nicht verändert wird. Darauf hoffen, dass die Funktion, die man gestern noch hatte, morgen nicht plötzlich im nächsthöheren Paket steckt.

Das Spannende daran ist, wie erfolgreich uns verkauft wurde, dass das bequem sei. Und ja. Abonnements haben Vorteile. Immer aktuelle Software. Cloud-Synchronisation. Updates. Support. Niedrigere Einstiegskosten. Alles richtig. Aber aus dem Abo als sinnvollem Geschäftsmodell wurde das Abo als Naturgesetz. Man kann gefühlt bald keine Eieruhr mehr kaufen, ohne gefragt zu werden, ob man „Timer Premium" für 3,99 Euro im Monat aktivieren möchte.

Software wird nicht mehr verkauft. Beziehungen werden monetarisiert.

Das ist eigentlich die entscheidende Veränderung. Früher musste ein Hersteller ein Produkt verkaufen. Heute möchte er eine dauerhafte Beziehung zum Nutzer monetarisieren. Darum sind Accounts so wichtig. Darum sind Apps so wichtig. Darum sind Push-Nachrichten so wichtig. Darum sind Newsletter wichtig. Darum sind Communities wichtig. Darum ist Retention wichtig. Darum sind Funnels wichtig. Darum ist Engagement wichtig. Es reicht nicht mehr, dass du ein Produkt benutzt und zufrieden bist. Du sollst: wiederkommen. klicken. interagieren. teilen. bewerten. upgraden. empfehlen. abonnieren. weitere Produkte kaufen. Man hat aus Kundenzufriedenheit ein Dashboard gemacht. Und das Dashboard möchte jeden Monat Wachstum sehen.

Scale. Das heilige Wort unserer Zeit.

Scale. Skalieren. Noch mehr Nutzer. Noch mehr Umsatz. Noch mehr Reichweite. Noch mehr Engagement. Noch mehr Conversion. Noch mehr wiederkehrender Umsatz. Ein Unternehmen, das mit 20.000 zufriedenen Kunden dauerhaft gutes Geld verdient, klingt im modernen Startup-Deutsch fast schon verdächtig. Warum nur 20.000? Warum nicht zwei Millionen? Warum Deutschland? Warum nicht global? Warum einmal verkaufen? Warum nicht monatlich abrechnen? Warum eine Softwarefunktion? Warum nicht eine Plattform? Warum eine Plattform? Warum nicht ein Ökosystem? Und irgendwann fragt keiner mehr: Ist das Produkt eigentlich noch besser geworden? Die Frage lautet: Kann man daraus mehr Umsatz pro Nutzer holen? Das ist ein vollkommen anderes Ziel. Und Nutzer merken das. Vielleicht nicht sofort. Aber irgendwann.

Streaming: Wir haben das Fernsehen besiegt und dann wieder aufgebaut

Streaming ist dafür ein wunderschönes Beispiel. Als Netflix groß wurde, war das Versprechen fantastisch. Keine festen Sendezeiten. Keine Werbung. Keine DVD. Kein lineares Fernsehen. Einfach auswählen und schauen. Das war echter Fortschritt. Und dann sah die restliche Medienindustrie dabei zu und dachte: Moment mal. Da liegt Geld.

Also bekam jeder seinen eigenen Streamingdienst. Und plötzlich brauchte man wieder fünf Anbieter. Netflix. Disney. Amazon. Apple. Paramount. Sky. Dazwischen verschwinden Inhalte. Lizenzen wechseln. Staffeln sind mal hier und mal dort. Filme werden aus Katalogen genommen. Bestimmte Qualitätsstufen hängen vom Tarif ab. Und natürlich kam irgendwann die Werbung zurück. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wir haben das klassische Fernsehen unter anderem deshalb verlassen, weil wir Werbung und zersplitterte Inhalte satt hatten. Und die Streamingindustrie hat Jahre und Milliarden investiert, um uns am Ende wieder Folgendes anzubieten: zersplitterte Inhalte mit Werbung. Nur jetzt braucht man zusätzlich fünf Accounts und sechs Abbuchungen auf dem Konto. Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Die Menschheit hat Kabelfernsehen neu erfunden. Mit Loginproblemen.

Und selbstverständlich kostet alles monatlich

Das Interessante ist nicht einmal der einzelne Preis. Ein einzelnes Abo tut selten weh. 8 Euro hier. 12 Euro dort. 15 Euro für Musik. 10 Euro Cloud. 20 Euro KI. Ein bisschen Office. Streaming. Passwortmanager. Backup. VPN. Software. Speicher. Gaming. Vielleicht noch irgendeine App. Und plötzlich hat ein Haushalt einen digitalen Fixkostenblock, der früher einer kleinen Versicherungsakte würdig gewesen wäre. Das Geschäftsmodell funktioniert gerade deshalb so gut, weil jede einzelne Entscheidung klein wirkt. „Sind doch nur 9,99." Natürlich. Und wenn ich 25-mal „nur 9,99" sage, bin ich bei einem bemerkenswerten Betrag. Aber der Nutzer soll gar nicht über die Gesamtsumme nachdenken. Er soll immer nur die einzelne Entscheidung treffen. Das ist der Trick.

Die Cloud: großartig, bis sie nicht da ist

Ich bin kein Cloud-Gegner. Im Gegenteil. Cloud-Technik ist technisch eine der sinnvollsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Synchronisation. Backups. Zusammenarbeit. Verfügbarkeit. Skalierung. Zentrale Administration. Das ist alles hervorragend. Das Problem beginnt wieder beim Absolutismus. Cloud-first wurde vielerorts praktisch zu: Cloud-only. Und damit entsteht ein wunderschöner Widerspruch. Wir zentralisieren Systeme, weil sie dadurch einfacher und zuverlässiger werden sollen. Gleichzeitig machen wir immer größere Teile unserer Arbeit davon abhängig, dass genau diese zentrale Infrastruktur erreichbar ist. Fällt ein einzelner Arbeitsplatz aus, hat früher ein Mitarbeiter ein Problem. Fällt heute eine zentrale Plattform aus, haben unter Umständen zehntausende Mitarbeiter gleichzeitig Pause. Unfreiwillig. Die Kaffeemaschine erlebt dann ihren großen Moment.

Wo sind meine Daten eigentlich?

Das noch größere Problem ist psychologisch. Viele Menschen wissen überhaupt nicht mehr, wo ihre Daten liegen. Frag jemanden: „Wo sind deine Fotos?" Antwort: „Auf dem Handy." Vielleicht. „In Google." Vielleicht. „In der Cloud." Welche? „Keine Ahnung." Und genau so entstehen Situationen, bei denen man irgendwann ein Smartphone vor sich hat, eine SD-Karte, einen Laptop, Google Fotos, Google Drive, WhatsApp und mehrere alte Sicherungen. Überall liegen Teile derselben Daten. Teilweise doppelt. Teilweise dreifach. Teilweise mit anderem Datum. Teilweise synchronisiert. Teilweise nicht. Und jeder dieser Speicherorte erzählt seine eigene Geschichte. Plötzlich hat man vier Wahrheiten über dieselben Familienfotos. Das ist kein theoretisches Problem. Das ist Alltag. Wir haben Speicher so bequem gemacht, dass Nutzer gar nicht mehr merken sollen, wo gespeichert wird. Und das funktioniert fantastisch. Bis etwas schiefgeht. Dann wird aus Komfort digitale Archäologie.

Technische Selbstständigkeit geht verloren

Das halte ich langfristig für eines der größten Probleme. Technik wird mächtiger. Aber technische Selbstständigkeit nimmt gleichzeitig ab. Menschen können mit Geräten heute Dinge tun, die vor 20 Jahren professionelle Studios gebraucht hätten. Videos schneiden. Musik produzieren. Fotos bearbeiten. Websites bauen. 3D-Modelle erstellen. KI einsetzen. Programme erzeugen. Publizieren. Kommunizieren. Alles unglaublich. Aber viele Menschen verstehen gleichzeitig immer weniger davon, was ihr Gerät eigentlich macht. Das ist teilweise Absicht. Moderne Systeme abstrahieren Technik. Und Abstraktion ist grundsätzlich gut. Meine Mutter muss nicht wissen, was TCP/IP macht, um eine Nachricht zu verschicken. Das wäre absurd. Aber Abstraktion darf nicht bedeuten, dass der Nutzer keinerlei Verständnis und keinerlei Kontrolle mehr besitzt. Denn dann entsteht Abhängigkeit. Solange alles funktioniert, sieht sie aus wie Komfort. Erst wenn etwas kaputtgeht, erkennt man sie.

KI sollte alles einfacher machen

Und dann kam KI. Eigentlich die ultimative Antwort auf dieses ganze Problem. Keine komplizierten Menüs mehr. Keine kryptischen Programme. Keine Handbücher. Keine zehn Tutorials. Einfach sagen, was man möchte. Die Maschine versteht es. Fantastisch. Und ich glaube tatsächlich, dass wir uns langfristig genau dahin bewegen. Nur haben wir Menschen selbstverständlich auch daraus in Rekordzeit wieder ein eigenes Universum gebaut. Heute gibt es: Prompt Engineering. System Prompts. Custom Instructions. GPTs. Projects. Agents. Skills. MCP. RAG. Embeddings. Vector Stores. Context Engineering. Tool Calling. Orchestrierung. Memory. Workflows. Model Routing. Temperatur. Reasoning. Fine-Tuning. APIs. Und selbstverständlich 700 LinkedIn-Beiträge mit dem Titel: „Diese 5 Prompts verändern dein Leben." Nein, Kevin. Tun sie nicht.

Die KI-Revolution und ihre Bedienungsanleitung

Das Verrückte daran: KI soll gerade Menschen helfen, die keine Spezialisten sind. Aber um KI wirklich effizient einzusetzen, entsteht bereits wieder eine neue Spezialistenschicht. Menschen, die wissen: welches Modell für welche Aufgabe. wie Kontext aufgebaut wird. wann ein Agent sinnvoll ist. wann Websuche gebraucht wird. wann eine Datei besser strukturiert werden muss. wie Tools verbunden werden. wie Ergebnisse geprüft werden. wie Halluzinationen erkannt werden. wie Prompts gestaltet werden. wie Arbeitsabläufe zerlegt werden. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Neue Technik erzeugt neue Kompetenzen. Das war immer so. Aber man sollte wenigstens ehrlich sein. Wir haben die Bedienungsanleitung nicht abgeschafft. Wir haben sie nur in „Prompt Engineering" umbenannt.

Ich bin selbst Teil dieses Irrsinns

Und genau deshalb schreibe ich das nicht aus irgendeiner technikfeindlichen Ecke. Ich benutze diesen ganzen Kram. GitHub. KI. Claude. ChatGPT. Automatisierungen. APIs. MCP. Cloud. Webanwendungen. Moderne Entwicklungswerkzeuge. Ich baue eigene Systeme damit. Ich profitiere massiv davon. Man kann heute als einzelner Mensch Dinge bauen, für die früher ein kleines Team notwendig gewesen wäre. Das ist vollkommen irre. Im positiven Sinne. Aber damit diese Werkzeuge wirklich effizient werden, baut man sich irgendwann wiederum Regeln. Strukturen. Prompts. Ordner. Workflows. Dokumentationen. Kontexte. Automatisierungen. Prüfungen. Gegenprüfungen. Und irgendwann sitzt man vor seiner künstlichen Intelligenz, die eigentlich alles vereinfachen sollte, und hat faktisch ein kleines Betriebssystem gebaut, damit die künstliche Intelligenz weiß, wie sie arbeiten soll. Das ist gleichzeitig beeindruckend und komplett bescheuert.

„Welche KI benutzt du?"

Noch so eine wunderbare Frage unserer Zeit. Früher fragte jemand: „Welches Schreibprogramm benutzt du?" Heute: „ChatGPT oder Gemini?" „Claude?" „Welches Modell?" „Pro?" „Thinking?" „API?" „Hast du Projects?" „Benutzt du MCP?" „Was ist mit NotebookLM?" „Midjourney?" „Flux?" „Stable Diffusion?" Der normale Mensch möchte vielleicht einfach ein Geburtstagsbild machen. Und landet plötzlich in einer Diskussion über Modelle, Credits, Tokens und Nutzungsrechte. Danach stellt er fest, dass die Funktion, die er eigentlich ausprobieren wollte, hinter einer Paywall liegt. Willkommen in der Zukunft. Bitte Kreditkarte bereithalten.

Auch KI wird natürlich wieder zur Plattform

Und selbstverständlich läuft auch hier alles in die gleiche Richtung. Zuerst ist die neue Technologie aufregend. Dann wächst sie. Dann entstehen Accounts. Tarife. Ökosysteme. Integrationen. Marktplätze. Abhängigkeiten. Werbung. Monetarisierung. Das ist keine Besonderheit eines einzelnen Unternehmens. Das ist die Logik des Marktes. Ein kostenloser oder günstiger Dienst braucht irgendwann Einnahmen. Völlig nachvollziehbar. Aber wir sollten trotzdem nicht so tun, als wäre jede Form der Monetarisierung automatisch nutzerfreundlicher Fortschritt. Wenn auch KI irgendwann vollständig in dieselbe Logik aus Werbung, Upselling, Lock-in und Plattformabhängigkeit kippt, haben wir wieder eine Technologie genommen, die eigentlich Reibung entfernen sollte, und neue Reibung eingebaut. Sehr konsequent.

Social Media: Kommunikation trifft Spielautomatenbau

Und dann wäre da Social Media. Auch so eine Idee, die ursprünglich einmal erstaunlich sympathisch klang. Menschen verbinden. Freunde wiederfinden. Fotos teilen. Diskutieren. Communities bilden. Wissen austauschen. Und daraus haben wir eine der ausgefeiltesten Aufmerksamkeitsmaschinen der Menschheitsgeschichte gebaut. Heute geht es nicht darum, dass du einen Beitrag siehst. Es geht darum, dass du bleibst. Scrollst. Klickst. Reagierst. Kommentierst. Streitest. Noch ein Video schaust. Noch eins. Noch eins. Nur noch dieses eine. Der Feed hört nicht auf. Warum sollte er? Ein Ende wäre wirtschaftlich ausgesprochen unpraktisch.

Aufmerksamkeit ist das eigentliche Produkt

Bei vielen Plattformen bezahlen wir nicht hauptsächlich mit Geld. Wir bezahlen mit Aufmerksamkeit. Mit Daten. Mit Verhalten. Mit Zeit. Und diese Aufmerksamkeit wird anschließend monetarisiert. Das ist inzwischen so normal, dass kaum noch jemand darüber nachdenkt. Wir optimieren Inhalte nicht mehr nur darauf, ob sie gut sind. Wir optimieren: Hook. Retention. CTR. Watchtime. Engagement. Conversion. Shareability. Algorithmus. Ein Mensch schreibt keinen Beitrag mehr. Er „produziert Content". Ein Unternehmen informiert nicht. Es „baut Reichweite auf". Und jeder zweite Selbstständige bekommt erklärt, er brauche eine Personal Brand, drei Reels am Tag und einen Funnel. Sonst ist er vermutlich geschäftlich bereits tot und hat es nur noch nicht bemerkt.

Hauptsache Funnel

Funnel ist eines dieser Wörter, bei denen man wunderbar beobachten kann, wie ein sinnvolles Konzept vollständig überdreht wird. Natürlich braucht ein Unternehmen einen Weg vom Interessenten zum Kunden. Das ist keine neue Erfindung. Früher hieß das: Jemand kennt dich. Jemand vertraut dir. Jemand kauft etwas. Heute braucht man dafür offenbar: Lead Magnet. Landingpage. Freebie. Newsletter. Tripwire. Upsell. Downsell. Retargeting. Webinar. Automatisierte E-Mail-Sequenz. Community. Closing Call. Und anschließend erzählt jemand auf Instagram, wie er mit diesem System „7-stellig skaliert" hat. Mit einem Kurs darüber, wie man Systeme baut, mit denen man Kurse verkauft, in denen erklärt wird, wie man Systeme baut. Das ist wirtschaftlich betrachtet fast schon Perpetuum mobile. Nur mit Canva-Templates.

Wir schieben das Geld freiwillig in den Drachen

Und das Spannendste: Wir machen mit. Freiwillig. Wir kaufen. Wir abonnieren. Wir klicken. Wir akzeptieren. Wir wechseln in den nächsthöheren Tarif. Wir bezahlen für werbefreie Dienste, die später wieder Werbung einführen. Wir kaufen Cloud-Speicher, weil unsere Geräte voll sind. Wir kaufen größere Geräte, weil unsere Software wächst. Wir kaufen Software, die uns helfen soll, die anderen Software-Abos zu verwalten. Das ist keine Verschwörung. Niemand zwingt uns. Das macht es fast noch interessanter. Das System funktioniert, weil es bequem genug ist. Und weil jeder einzelne Schritt klein erscheint.

Der Nutzer soll möglichst wenig merken

Die beste Plattformbindung ist die, die sich nicht wie Bindung anfühlt. Alles synchronisiert. Alles ist überall verfügbar. Passwörter sind gespeichert. Fotos automatisch hochgeladen. Dokumente öffnen sich direkt. Apps kennen deine Einstellungen. Herrlich. Und wenn du wechseln möchtest? Dann merkst du plötzlich, wie tief du eigentlich drinsteckst. Fotos. Kontakte. Kalender. Mails. Dokumente. Passwörter. Notizen. Abos. Käufe. Verläufe. Playlists. Smart-Home-Geräte. Apps. Backups. Das ist dann kein Anbieterwechsel mehr. Das ist ein Umzug. Mit digitalem Möbelwagen.

Open Source löst das Problem. Und erzeugt ein neues.

Open Source ist dagegen für mich eine der wichtigsten Gegenbewegungen. Transparenz. Kontrolle. Keine zwingende Herstellerbindung. Community. Eigener Betrieb möglich. Großartig. Und ohne Open Source wäre ein gewaltiger Teil unserer heutigen IT überhaupt nicht denkbar. Aber auch hier darf man ehrlich sein: Open Source ist nicht automatisch nutzerfreundlich. Manchmal ist die Dokumentation eine README-Datei, die offenbar ausschließlich für Menschen geschrieben wurde, die das Projekt bereits verstehen. Installation: git clone. npm install. cp .env.example .env. docker compose up. Kein Problem. Oma Erna macht das vor dem Frühstück. Dann noch schnell PostgreSQL konfigurieren. Danach Kreuzworträtsel. Das ist kein Vorwurf an Entwickler, die kostenlose Software bauen. Im Gegenteil. Ich finde es beeindruckend, was dort entsteht. Aber es zeigt perfekt den Zustand: Die mächtigsten Werkzeuge unserer Zeit sind häufig für Menschen gebaut, die bereits wissen, wie mächtige Werkzeuge funktionieren. Der Rest bekommt die kommerzielle Variante. Mit hübschem Button. Und monatlichem Abo.

Genau dort entsteht die neue digitale Klassengesellschaft

Das klingt dramatischer, als ich es meine. Aber der Effekt ist real. Es gibt Menschen, die moderne Technik aktiv gestalten. Und Menschen, die sie konsumieren. Die erste Gruppe kann sich Systeme bauen. Automatisieren. Daten exportieren. Anbieter wechseln. Open-Source-Werkzeuge einsetzen. KI kombinieren. Schnittstellen nutzen. Probleme selbst lösen. Die zweite Gruppe klickt auf das, was die App anbietet. Und wenn dort steht: „Upgrade erforderlich" dann wird eben upgegradet. Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz. Das Problem ist fehlende Orientierung. Die Vielfalt ist so groß geworden, dass Orientierung selbst zu einer Fachkompetenz geworden ist.

Früher kuratierten Zeitschriften. Heute kuratiert der Algorithmus.

Und das ist vielleicht einer der größten Unterschiede. Früher gab es Gatekeeper. Redaktionen. Magazine. Fachzeitschriften. Portale. Das hatte Nachteile. Natürlich. Weniger Vielfalt. Abhängigkeit von wenigen Redaktionen. Werbung. Bezahlte Empfehlungen. Aber immerhin gab es eine sichtbare Ebene der Auswahl. Heute übernimmt diese Funktion immer häufiger ein Algorithmus. Du suchst nach einem Programm. Google entscheidet, was oben steht. Du suchst ein Tutorial. YouTube entscheidet. Du suchst Produktempfehlungen. TikTok entscheidet. Du suchst Meinungen. Reddit. Instagram. Affiliate-Seiten. SEO-Artikel. Gesponserte Ergebnisse. Und plötzlich besteht „Recherche" daraus, herauszufinden, wer dir gerade warum etwas empfiehlt. Auch eine schöne Form des Fortschritts.

Informationen sind überall. Vertrauen ist knapp.

Das Internet hat Informationen demokratisiert. Das ist eine der größten Errungenschaften überhaupt. Nahezu jeder kann Wissen veröffentlichen. Und genau deshalb haben wir jetzt ein neues Problem: Nahezu jeder veröffentlicht Wissen. Oder das, was dafür gehalten werden möchte. SEO-Texte. Affiliate-Content. KI-generierte Artikel. Marketing. Fake Reviews. Influencer. Sponsoring. Copy-Paste. Content Farms. Die Information selbst ist nicht mehr knapp. Vertrauen ist knapp. Früher musste man Informationen suchen. Heute muss man sie filtern. Das ist eine völlig andere Arbeit.

Und jetzt produziert KI noch mehr davon

Was natürlich ausgezeichnet passt. Wir hatten bereits zu viele mittelmäßige Informationen. Also haben wir Maschinen entwickelt, mit denen wir noch schneller noch mehr davon produzieren können. Websites können in Minuten hunderte Artikel erzeugen. Social-Media-Posts. Produkttexte. Kommentare. Bilder. Videos. Zusammenfassungen. Das ist technisch faszinierend. Und wirtschaftlich nachvollziehbar. Aber die logische Folge ist: Wenn Content praktisch kostenlos produziert werden kann, verliert Content allein an Wert. Dann wird Herkunft wichtiger. Kontext. Vertrauen. Erfahrung. Nachvollziehbarkeit. Wer hat das geschrieben? Warum? Auf welcher Grundlage? Mit welcher Absicht? Vielleicht ist das am Ende sogar etwas Gutes. Vielleicht zwingt uns KI endlich dazu, Qualität nicht mit bloßer Textmenge zu verwechseln. Man darf träumen.

Alles wird smarter. Außer der Gesamtprozess.

Das zieht sich durch fast jeden Bereich. Wir automatisieren einzelne Schritte. Aber vergessen den Gesamtprozess. Die Kamera sichert Fotos automatisch in die Cloud. Super. WhatsApp speichert Medien. Super. Die SD-Karte enthält auch Fotos. Super. Der Laptop hat alte Sicherungen. Super. Am Ende existieren 18.000 Dateien an fünf Stellen und niemand weiß, welche vollständig ist. Jeder einzelne Schritt war bequem. Der Gesamtprozess ist eine Katastrophe. Das ist für mich inzwischen eines der wichtigsten Prinzipien moderner IT: Automatisierung ist nicht automatisch Ordnung. Man kann Chaos hervorragend automatisieren. Dann hat man nur schneller mehr davon.

Zwei Wahrheiten sind keine Wahrheit

Das sieht man in Unternehmen genauso. Excel-Liste hier. ERP dort. CRM daneben. Shop-System. Cloud-Ordner. Lokale Datei. E-Mail-Anhang. Und jeder hat „den aktuellen Stand". Wenn ein System nicht klar definiert, wo die Wahrheit liegt, ist es kein System. Es ist organisierte Hoffnung. Das gilt für Kundendaten genauso wie für Fotos. Für Lagerbestände. Dokumente. Projektstände. Finanzen. Softwareversionen. Deshalb ist technische Architektur für mich nicht die Frage: „Welche coole Software nehmen wir?" Sondern: Wo liegen die Daten? Wer besitzt sie? Wer darf sie ändern? Was ist die Quelle der Wahrheit? Wie komme ich wieder heraus? Das sind langweilige Fragen. Also genau die Fragen, die man meistens erst stellt, wenn etwas brennt.

Fortschritt mit eingebauter Stolperfalle

Vielleicht ist das die beste Beschreibung unserer aktuellen Techniklandschaft. Fortschritt mit eingebauter Stolperfalle. Alles ist leistungsfähiger. Aber häufig auch abhängiger. Alles ist vernetzter. Aber dadurch störanfälliger. Alles ist komfortabler. Aber weniger transparent. Alles ist günstiger im Einstieg. Aber teurer über die Laufzeit. Alles ist einfacher zugänglich. Aber schwieriger zu überblicken. Alles ist automatisiert. Aber niemand versteht mehr den Gesamtprozess. Und selbstverständlich gibt es für jedes dieser Probleme bereits zwölf SaaS-Produkte. Ab 19 Euro pro Monat. Jährliche Abrechnung spart 20 Prozent.

Nein, ich will nicht zurück ins Jahr 2005

Das ist mir wichtig. Ich möchte Windows XP nicht zurück. Ich möchte keine CDs suchen. Ich möchte keine Software aus Zeitschriften installieren müssen. Ich möchte keine 56k-Modems. Keine Treiber-CDs. Keine Festplatten mit 80 Gigabyte. Keine Digitalkamera, bei der 128 MB Speicherkarte ein finanzielles Investment war. Ich möchte moderne Technik. Cloud. KI. Schnelle Rechner. Glasfaser. Smartphones. Streaming. Open Source. Automatisierung. All das. Ich möchte nur, dass wir endlich aufhören, jede technische Verbesserung automatisch mit einer Verbesserung für den Nutzer gleichzusetzen. Das ist nicht dasselbe.

Mehr Funktionen sind nicht automatisch mehr Fortschritt

Ein Werkzeug ist nicht besser, weil es 700 Funktionen besitzt. Es ist besser, wenn es die benötigte Aufgabe zuverlässig löst. Diese Erkenntnis ist erschreckend unspektakulär. Deshalb wird sie im Produktmarketing vermutlich selten benutzt. „Unsere neue Version kann weniger, aber Sie finden alles sofort." Schwierige Keynote. Dabei wäre genau das manchmal Fortschritt. Reduktion. Klare Wege. Gute Defaults. Saubere Exporte. Lokale Datenhaltung, wenn sinnvoll. Cloud, wenn sinnvoll. Keine künstlichen Accounts. Keine künstlichen Abos. Keine künstlichen Plattformbindungen. Einfach: Problem lösen.

Wir brauchen keine weniger mächtige Technik

Wir brauchen Technik, die ihre Macht vernünftig versteckt. Das ist ein Unterschied. Ein Auto enthält heute unfassbar komplexe Systeme. Ich muss trotzdem nicht beim Start den Einspritzzeitpunkt konfigurieren. Genau das ist gute Technik. Komplexität verschwindet nicht. Sie wird an der richtigen Stelle getragen. Und das ist vielleicht mein größter Vorwurf an einen Teil der modernen Softwarewelt: Zu viel Komplexität wird nach außen gegeben. Zum Kunden. Zum Nutzer. Zum Administrator. Zum Unternehmen. Der Hersteller spart Entwicklungs- oder Supportaufwand. Der Kunde bekommt Dokumentation. Problem erfolgreich verteilt.

KI könnte genau hier tatsächlich helfen

Und trotz allem bin ich bei KI erstaunlich optimistisch. Denn zum ersten Mal haben wir eine Technologie, die zwischen Mensch und komplexem System vermitteln kann. Nicht über Menüs. Sondern über Absicht. Ich sage: „Sortiere diese Fotos nach tatsächlichem Aufnahmedatum, entferne nichts automatisch und zeige mir vorher die Duplikate." Das System kümmert sich um den Rest. Das ist die Richtung, die ich spannend finde. Nicht: „Hier sind 40 neue KI-Tools." Sondern: weniger Werkzeuge sichtbar machen. KI als Vermittler. Als Übersetzer. Als Orchestrator. Nicht noch eine weitere App-Schublade.

Von „KI antwortet" zu „KI arbeitet"

Genau dort liegt für mich der eigentliche nächste Schritt. Die erste Generation KI beantwortete Fragen. Die interessante Generation erledigt Prozesse. Sie liest. Vergleicht. Prüft. Strukturiert. Verbindet Werkzeuge. Behält Kontext. Dokumentiert Änderungen. Und lässt den Menschen an den Stellen entscheiden, an denen Entscheidungen wichtig sind. Das könnte tatsächlich Komplexität reduzieren. Aber nur, wenn wir nicht wieder denselben Fehler machen. Wenn daraus nicht 70 Agenten-Marktplätze entstehen, bei denen der Nutzer zuerst entscheiden muss, welchen Agenten er für die Auswahl seines Agenten verwenden möchte. Ich halte das für durchaus möglich. Wir sind Menschen. Wir schaffen das.

Vielleicht liegt das Problem gar nicht in der Technik

Vielleicht liegt es in unserem Verhältnis zu Wachstum. Mehr. Immer mehr. Mehr Funktionen. Mehr Nutzer. Mehr Inhalte. Mehr Umsatz. Mehr Engagement. Mehr Integration. Mehr Reichweite. Mehr Daten. Mehr Automatisierung. Wir messen Erfolg ständig quantitativ. Dabei wäre bei Technik eine andere Frage manchmal viel interessanter: Wie viel mentale Arbeit nimmt dieses Produkt einem Menschen tatsächlich ab? Nicht: Wie viele Features? Nicht: Wie viele Integrationen? Nicht: Wie viele monatlich aktive Nutzer? Sondern: Wie viel einfacher ist das Leben danach? Das wäre einmal eine interessante Kennzahl.

Das Leben braucht keine weitere Plattform

Vielleicht brauchen wir auch nicht für jede Aufgabe eine Plattform. Nicht jede Software muss Community werden. Nicht jedes Produkt braucht Gamification. Nicht jedes Unternehmen braucht eine App. Nicht jede App braucht ein Abo. Nicht jeder Handwerker braucht einen Funnel. Nicht jeder Mensch braucht eine Personal Brand. Nicht jeder Beitrag braucht einen Hook. Nicht jeder Hobbyraum braucht eine Cloud. Nicht jeder Prozess braucht KI. Und nicht jede KI braucht zwölf Agenten. Manchmal braucht man einfach ein Werkzeug. Man benutzt es. Dann macht man es zu. Radikales Konzept.

Was ich eigentlich zurückhaben möchte

Nicht die alte Technik. Die alte Selbstverständlichkeit. Ich möchte wieder häufiger Software sehen, bei der jemand sagt: Hier ist das Programm. Das macht X. Hier ist der Download. Hier ist die Dokumentation. Deine Daten gehören dir. Wenn du gehen möchtest, kannst du exportieren. Wenn du keine Cloud möchtest, musst du keine benutzen. Wenn du keine Werbung möchtest, wird dir nicht drei Monate später erklärt, dass Werbung jetzt Teil eines „neuen flexiblen Tariferlebnisses" ist. Wenn du bezahlt hast, bekommst du einen vernünftigen Gegenwert. Eigentlich keine besonders revolutionären Forderungen. 2026 wirken sie teilweise fast schon rebellisch.

Und der Nutzer?

Der Nutzer braucht vor allem wieder Kontrolle. Nicht zwingend technische Detailkontrolle. Aber echte Entscheidungsfreiheit. Wo liegen meine Daten? Was kostet mich das dauerhaft? Was passiert beim Anbieterwechsel? Kann ich exportieren? Was passiert ohne Internet? Was passiert, wenn der Anbieter verschwindet? Was passiert, wenn ich nicht mehr bezahle? Werden meine Daten weiterverwendet? Welche Funktion gehört tatsächlich mir? Solche Fragen sollten keine Nerd-Fragen sein. Sie gehören zur digitalen Grundkompetenz. So wie man bei einem Auto wissen sollte, dass es Öl braucht. Man muss deshalb nicht selbst den Motor bauen.

Kein Zauber. Kein Untergang.

Ich halte nichts von Technikpanik. KI wird nicht automatisch die Menschheit retten. Sie wird sie vermutlich auch nicht nächsten Dienstag vernichten. Cloud ist weder Teufelszeug noch Erlösung. Open Source ist nicht automatisch gut. Kommerzielle Software ist nicht automatisch schlecht. Abonnements können sinnvoll sein. Werbung kann kostenlose Angebote finanzieren. Plattformen können enormen Nutzen schaffen. Streaming ist trotz allem komfortabler als das alte Fernsehmodell. Social Media kann Menschen verbinden. GitHub ist eine fantastische Infrastruktur. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Leider. Das würde die Fehlersuche deutlich vereinfachen. Es geht um etwas anderes: Technik, Interessen und Folgen. Wer baut etwas? Warum? Wie wird Geld verdient? Welche Abhängigkeiten entstehen? Wer trägt die Komplexität? Wer besitzt die Daten? Wer kontrolliert den Prozess? Und verbessert das Ganze am Ende tatsächlich das Leben des Menschen, der davor sitzt?

Vielleicht ist Einfachheit inzwischen Luxus

Das wäre eigentlich die bitterste Pointe. Wir haben jahrzehntelang Technik entwickelt, um Arbeit zu vereinfachen. Und inzwischen ist Einfachheit selbst zu einem Premium-Produkt geworden. Wer genug Geld hat, kauft Systeme, in denen jemand anderes die Komplexität verwaltet. Managed Services. IT-Betreuer. Apple-Ökosystem. Enterprise-Support. Consulting. Administratoren. Agenturen. Cloud-Management. Der normale Nutzer bekommt dagegen: FAQ. Community Forum. Chatbot. Und einen Link zur Wissensdatenbank. „Konnten wir Ihr Problem lösen?" Nein. Aber danke für die Nachfrage.

Mein Duplikat-Finder funktioniert übrigens

Am Ende meiner Geschichte habe ich natürlich ein Tool gefunden. Ein gutes sogar. Open Source. Leistungsfähig. Kostenlos. Kann genau das, was ich brauche. Die Entwickler haben vermutlich unzählige Stunden freiwillig darin versenkt. Dafür habe ich größten Respekt. Aber bevor ich bei diesem wunderbaren Werkzeug angekommen bin, musste ich verstehen, welche Version ich brauche, wo ich sie bekomme und welche Variante für meinen Zweck gedacht ist. Für mich kein Weltuntergang. Ich kann das. Aber genau deshalb denke ich an Ute. Ute möchte keine Releases verstehen. Sie möchte ihre Fotos sortieren. Und wenn eine Welt voller hochentwickelter Software es nicht schafft, Ute zuverlässig von „Ich habe ein Problem" zu „Problem gelöst" zu bringen, ohne dass sie zwischendurch einen IT-Spezialisten braucht, dann sollten wir vielleicht nicht ausschließlich darüber reden, wie leistungsfähig unsere Technologie geworden ist. Vielleicht sollten wir wieder darüber reden, für wen wir sie eigentlich bauen.

Denn wir haben heute mehr Rechenleistung, mehr Software, mehr Plattformen, mehr Cloud, mehr KI, mehr Automatisierung und mehr Wissen als jemals zuvor. Das ist großartig. Wir haben nur unterwegs etwas Merkwürdiges gemacht: Wir haben aus Werkzeugen Ökosysteme gebaut. Aus Käufen Abonnements. Aus Kunden Nutzer. Aus Nutzern Kennzahlen. Aus Aufmerksamkeit Geld. Aus Kommunikation Content. Aus Empfehlungen Funnels. Aus Software Plattformen. Aus Komfort Abhängigkeit. Und aus der Idee, dass Computer dem Menschen Arbeit abnehmen sollen, teilweise eine Welt geschaffen, in der Menschen erst lernen müssen, wie sie ihre Werkzeuge verwalten.

Vielleicht wäre der nächste große technische Fortschritt deshalb gar kein neues Modell. Keine neue Cloud. Keine neue Plattform. Keine neue App. Vielleicht wäre Fortschritt einmal: Es funktioniert einfach. Ohne Studium. Ohne Funnel. Ohne sieben Accounts. Ohne drei Abos. Ohne Werbung nach dem Intro. Ohne GitHub-Archäologie. Ohne dass man wissen muss, was Docker ist, um Familienfotos zu sortieren. Ein Werkzeug. Eine Aufgabe. Eine Lösung. Fast schon Science-Fiction.